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Erlebt und bewegt

In dieser Rubrik veröffentlichen wir regelmässig Beiträge aus der gleichnamigen Rubrik der Zeitschrift factum - mit freundlicher Genehmigung.

VERSTECKTE SEHNSUCHT?

Herr L. ist pensionierter Lehrer und Atheist bis auf die Knochen. Er steigt aus dem Auto, und als er mich sieht, wirft er beide Arme theatralisch in die Luft und ruft mir zu: «Es gibt doch einen Gott!» Ist der notorische Zweifler plötzlich Christ geworden? Recht hat er jedenfalls. Deshalb sage ich locker: «Hundert Pro.» – «Na ja», wiegelt er ab, «das müssen wir jetzt nicht ausdiskutieren», und kommt zur Sache. Er weiss, dass mein Sohn auf der Suche nach einem Haus ist. «Gerade hat mir meine Nachbarin erzählt, dass sie zu ihren Kindern ziehen und ihr Haus verkaufen will», berichtet er. Dann nimmt er sein vorgetäuschtes Glaubensbekenntnis von eben zurück: «Dass wir uns ausgerechnet jetzt treffen, wo ich ihnen das doch erzählen wollte, ist für mich reiner Zufall.» Inzwischen ist auch seine Frau ausgestiegen, unterbricht uns und erinnert ihren Mann an ihr eigentliches Vorhaben. Deshalb wünsche ich den beiden einen schönen Tag und gehe weiter.

Inzwischen ist mir diese Begegnung aufgegangen wie die Knospe einer Blume, und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr ist sie für mich mehr als nur eine heitere Anekdote. Schliesslich hat mir der ehemalige Lehrer meiner Kinder mit wenigen Worten Wesentliches verraten. Erstens hat er mich in meinem Anliegen unterstützt, meinem Sohn bei der Suche nach einem Haus zu helfen. Anerkennung, denn menschlich erfreulich! Zweitens hat er sich darüber Gedanken gemacht, wie er mir seine Information weitergeben kann. Drittens hat ihn unser plötzliches Zusammentreffen verblüfft, weil es ihm wie von einer geheimen Regie geplant erschien. Er weiss ausserdem viertens, dass für Christen Gott nicht nur sonntags, sondern auch im Alltag eine Rolle spielt. Vor allem aber hat er mir fünftens mit seinem pathetischen Auftritt mitgeteilt, dass er sich darüber Gedanken macht, wie ich als Christ unser spontanes Zusammentreffen vermutlich deute. Sich in den Glauben eines Christen hineinzuversetzen, ist für einen Atheisten eine erstaunliche Beschäftigung. Er kennt also die christliche Überzeugung, dass Gott konkret und punktuell in unser Leben eingreift und wir nicht Spielball des Zufalls sind.

Ich danke Gott, dass er auch mir diesen Glauben geschenkt hat. Alles in meinem Leben geht über Gottes Schreibtisch. Ich geniesse die schönen Lebens­etappen und erleide die schwierigen Wegstrecken, ohne zu verbittern. Der Apostel Paulus hat das mehr als einmal zum Thema in seinen Briefen gemacht. Einer seiner meistzitierten Sätze heisst: «Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.» Mit dieser Kraftquelle ist Jesus gemeint. Wer diesen Satz aber isoliert versteht, könnte glauben, dass man durch Jesus zum Alleskönner wird. Doch der biblische Zusammenhang klärt uns auf. Paulus schreibt nämlich davon, wie er mit den Wechselfällen seines Lebens klargekommen ist. Einmal wurde er als Gott verehrt, dreimal mit Stockschlägen bestraft, einmal hat er eine Steinigung und insgesamt drei Schiffbrüche überlebt (2. Kor. 11,25). Von vielen Christen wurde er verehrt, von anderen angefeindet. Was hat ihn auf dieser Achterbahn von Ereignissen vor dem Absturz bewahrt? Darauf antwortet er: «... ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht» (Phil. 4,11–13). «Alles» meint also «alles beides». Wie es auch kommt: Er hebt nicht ab und fällt in kein Loch. Jesus ist da.

Für mein nächstes Zusammentreffen mit Herrn L. habe ich jedenfalls einen guten Anknüpfungspunkt für ein Gespräch. Darauf bin ich gespannt. Schon mancher hat über Christen gespottet, bis er selber einer wurde. Manchmal versteckt sich die Sehnsucht nach dem Glauben an Jesus sogar hinter Spott. Wer weiss, vielleicht wird das lustig-gespielte Glaubensbekenntnis von Herrn L. doch einmal zu seinem lebensernsten Bekenntnis.

Jörg Swoboda